Franz Kafka, “Bauer eines Bauern”

Von Sergio Ernesto Negri

Es ist allgemein nicht sehr bekannt, dass Franz Kafka Schach gespielt hat. In Kafkas Schachbibliothek wurden u.a. folgende Bücher gefunden: “Das Endspiel im Schach” von Hans Fahrni; “300 Endspiele” von Henri Rinck; “Bilguers Schachhandbuch” (8. Auflage, überarbeitet von Carl Schlechter); “15 ausgewählte Partien aus Jacques Mieses Karschau-Turnier 1918”. In seinen Tagebüchern finden sich jedoch keine Hinweise darauf. Im Oktober 1911 nahm Kafka in Prag an einer Simultanvorstellung teil, die von dem jungen Jose Raul Capablanca gegeben wurde.

Nur ein einziger Verweis auf das Schachspiel wurde in Kafkas Werk gefunden, und zwar innerhalb des epistolischen Genres. In “Briefe an Milena” ist der folgende Absatz Teil eines der Briefe:

Was ich fürchte und mit aufgerissenen Augen fürchte und in sinnloser Versunkenheit in Angst (wenn ich so schlafen könnte, wie ich in Angst versinke, ich lebte nicht mehr) ist nur diese innere Verschwörung gegen mich (die du besser aus meinem Brief an meinen Vater verstehen wirst, allerdings auch nicht ganz, denn der Brief ist doch sehr auf sein Ziel hin konstruiert) die sich etwa darauf gründet, daß ich, der ich im großen Schachspiel noch nicht einmal der Bauer eines Bauern bin, weit davon entfernt, jetzt gegen die Spielregeln und zur Verwirrung alles Spiels auch noch den Platz der Königin besetzten will – ich, der Bauer des Bauern, also eine Figur, die es gar nicht gibt, die gar nicht mitspielt – und dann vielleicht gleich auch noch den Platz des Königs selbst oder gar das ganze Brett und daß wenn ich das wirklich wollte, es auf andere unmenschliche Weise geschehen müsste.

Milena Jesenska

Aus diesem Fragment sehen wir eine stets gequälte Persönlichkeit – einen Schriftsteller, der auf dem Weg zu sich seine intimsten Ängste in einem Brief an die tschechische Schriftstellerin Milena Jesenská (1896-1944) zum Ausdruck bringt, eine bemerkenswerte Literatin, Journalistin und Übersetzerin, für die das Schicksal ein schweres Dasein und einen noch grausameren Ausgang (sie starb in einem Nazi-Konzentrationslager) vorgesehen hatte.

Sie waren wahrscheinlich Seelenverwandte. Leidenschaftlich für die Literatur und in einem Klima der Qual, das sie beide durch ihr Leben begleitete, unterhielten sie in den frühen 1920er Jahren einen begeisterten Briefwechsel. Es wurde sogar spekuliert, dass sie eine Romanze gehabt haben könnten.

Tatsächlich trafen sie sich bei einigen wenigen Gelegenheiten physisch. Sicher ist jedoch, dass die Landsleute eine im Platonismus verankerte Beziehung hatten und, was vielleicht noch transzendenter ist, eine spirituelle Gemeinschaft empfindsamer und zwillingshafter Seelen war.

In der oben erwähnten Passage sehen wir Kafka, wie er sich ein großes Schachspiel vorstellt, eines, das den konventionellen Raum der 64 Felder übersteigt, eines, das ihn nicht nur im physischen Sinne transzendiert – eines, das zuweilen mit dem Leben selbst verschmilzt.

In dieser integralen Sphäre schreibt er sich selbst eine sehr geringe Rolle zu. Einen noch kühneren Schritt wagend, zieht er in Betracht, dass der Bauer, zu dem er geworden ist, vom Brett genommen werden kann. Sein Werk, das, sehr zu seinem Bedauern, posthum veröffentlicht wurde, und die Aufzeichnungen seiner eigenen Existenz würden dies widerlegen. Zumindest in diesem Punkt.

Franz Kafka

Der Autor sieht sich, ausgehend von einer solch diskreten Position, schließlich Verwandlungen unterworfen, um andere, möglicherweise relevantere Rollen einzunehmen, indem er den Status einer Königin erreicht, sich kurioserweise transsexualisiert oder, konventioneller, danach strebt, König zu sein.

Aber das Interessanteste von allem ist, dass er bei dieser eventuellen körperlichen Mutation von seinem intimsten Selbst aus von der Welt der Menschen in eine ganz andere Sphäre – die Welt der Dinge – eintreten konnte. Er stellte sich vor, dass er in gewisser Weise danach streben könnte, beide Welten zu umfassen; er könnte sogar, noch ehrgeiziger, das ganze Brett werden.

In dieser Argumentation sehen wir, dass das Schachspiel dem tschechischen Autor die Möglichkeit gibt, eine sehr persönliche Flucht aus der Realität zu finden, die sehr stark in seinem eigenen Kopf lebte. Unter diesen Bedingungen war es absehbar, dass er die Chance bekommen würde, jemand anderes zu werden. Oder etwas anderes.

Er könnte dann aufhören, ein Bauer zu sein (eine bescheidene und etwas traurige Figur), sondern ein König oder eine Königin oder ein Schachbrett (wie er es sich in seiner verzweifelten Suche gewünscht haben mag). In jeder dieser seltsamen Annahmen hätte Kafka notwendigerweise eine undenkbare und tiefgreifende Metamorphose durchmachen müssen. Fast so, als ob er, ähnlich wie Gregor Samsa, hätte werden können…

Links

Nota publicada en la página en idioma alemán de ChessBase, en https://de.chessbase.com/post/franz-kafka-bauer-eines-bauern

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